Lebensfreude statt Opferrolle bei Schwerhörigkeit

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Fünf Tipps, um besser mit einer Hörschwäche – oder anderen Schwächen - klarzukommen

Langsam, kaum wahrnehmbar, schlich sich die Hörschwäche in den letzten Jahren in mein Leben: In einer lauten Umgebung bekam ich nicht mehr alles mit – das schob ich auf Erschöpfung. Eine Freundin, die leise spricht, habe ich immer wieder gebeten, lauter zu sprechen. Gespräche in Filmen konnte ich nicht mehr gut verstehen. Bis ich endlich zur HNO-Ärztin ging und sie mir klar sagte, dass ich Hörgeräte brauche – beide Ohren waren zu schwach geworden!

Damals stellte ich mir vor, dass die Hörschwäche wie eine Sehschwäche leicht in den Griff zu bekommen sei. Wie man eine Brille probiert, durch die man gleich besser sieht, so erwartete ich auch die Leistung von Hörgeräten. Und dann würde ich mein Leben so weiter wie bisher weiterleben. Nur - so einfach war das nicht….

Seit fast drei Jahren lebe ich jetzt mit meiner Hörschwäche – und habe viel gelernt. Gelernt, mit einer Begrenzung umzugehen, die früher nicht da war. Gelernt, dass auch das beste Hörgerät nicht das Hörvermögen aus früheren Zeiten wiederherstellen kann. Und vor allem habe ich gelernt, der Realität ins Auge zu sehen und die beruflichen und privaten Konsequenzen zu durchdenken. Dafür hatte ich Unterstützer – meine Ärztin, der Hörgeräteakustiker – und ein begleitendes Coaching.

Damit Sie nicht so lange brauchen und Ihre Hörschwäche - oder auch andere Schwächen - leichter und früher annehmen können als ich (wir müssen ja nicht immer alle Fehler nochmal machen…

1. Veränderung der Einstellung zum Leben

Nun ging es nicht mehr um schnelle Lösungen, sondern um meine Lebenseinstellung: Sollte ich mich jetzt für den Rest meines Lebens verstecken? Geburtstagspartys, Kneipen, Restaurants – alles war zu laut, ich konnte mich nicht mehr mit anderen unterhalten. In meinem Beruf als Dozentin verstand ich in den großen hohen Räumen die Antworten der Studierenden nicht mehr. Gleichzeitig empfand ich den großen Lärm durch Verkehr, Baustellen u.ä. als unerträglich.

So begann ich über meine Lebenseinstellung nachzudenken: Was verbinde ich mit dieser Grenze, die ja nun mal da ist? Wie finde ich meine Lebensfreude, meine Souveranität wieder? Wie geht es beruflich weiter? Und mit Freunden? Wollen meine Ohren mir etwas mitteilen? Ich bin doch noch nicht so alt! Dann wurde mir auch noch empfohlen, einen Schwerbehindertenantrag zu stellen! Ich konnte meine Hörschwäche nicht akzeptieren, sie löste Sorgen und Ängste aus. So war ich plötzlich in einer Opferrolle, die ich gar nicht wollte….

Und dann fand ich eine gute Haltung für mich: „Ich bin eine Coach und Beraterin, die zwar nicht mehr so gut hört wie früher, dafür aber umso besser wahrnimmt, wie es anderen geht und sich einfühlt, was andere Menschen brauchen. Ich höre mit dem Herzen, bin zu-gewandt und höre intensiv zu.

Das können Sie auch! Wer sind Sie? Wie ist Ihre Haltung?

2. Gutes Zu-Hören und Sprechen wertschätzen lernen

Voraussetzung für gutes Zu-Hören (das gilt auch für Menschen, die ihr volles Gehör noch besitzen!) ist Aufmerksamkeit, Motivation und Hin-Wendung, d.h. im Jetzt sein, beim Gesprächspartner. Am guten Hören sind daher neben den Ohren auch die Augen, das Gehirn und der Bewegungsapparat beteiligt. Wenn Menschen sich im Gespräch gedanklich mit anderen Dingen beschäftigen, sich körperlich abwenden oder die Gesprächspartnerin nicht ansehen, so hören sie nicht zu und nehmen die Inhalte nicht auf.

Seien Sie ein gute/r Gesprächspartner/in und fordern Sie das auch von anderen! Sprechen Sie über Ihre Schwerhörigkeit, dass die anderen nicht lauter sprechen müssen, sondern nur langsamer und deutlicher. Verabreden Sie sich in einer ruhigen Umgebung, wenn Sie tiefer gehende Gespräche führen möchten. Gehen Sie weiterhin mit in Restaurants oder Kneipen, wenn Sie Lust dazu haben – aber sagen Sie immer wieder, dass Sie sich dort nicht unterhalten können.

3. Schwäche annehmen

Wie Sie gemerkt haben, habe ich also mein Ohren-Defizit angenommen, denn ich weiß, dass meine anderen Sinne mich beim Hören unterstützen, sogar stärker geworden sind (ok, die Brille trage ich natürlich noch :)). Mit mir selbst bin ich im liebevollen Kontakt, ich bin hell-höriger geworden.
Das können Sie auch! Was können Sie jetzt besser als früher? Welche Sinne sind ausgeprägter? Konnten Sie Ihre Schwäche schon annehmen? Wenn nicht – was könnte Ihnen helfen? Was brauchen Sie?
Es dauert seine Zeit, um ein körperliches Defizit anzunehmen, manche brauchenvneutrale Unterstützung, da Familie und Freunde an Grenzen stoßen – aber es wird klappen.

4. Nachdenken über den Sinn der Begrenzung

Geholfen hat mir das Nachdenken über den Sinn der Begrenzung: Warum sind meine Ohren „müde“ geworden? Warum hatten sie „keine Lust mehr“ zu hören? Vielleicht fehlte mir Lebenslust? Habe ich zu viel gearbeitet, zu viele Termine gehabt, zu oft „ja“ gesagt, wenn jemand um Unterstützung gebeten hat?

Spannend war auch die Frage nach heimlichen Träumen und Wünschen, die möglicherweise im Alltag mit Familie, Beruf, Ehrenamt und Freunden untergegangen sind. Was macht denn mein Leben aus? Wonach sehne ich mich?

Nehmen Sie sich 1-2 Stunden Zeit für sich allein oder machen Sie einen schönen langen Spaziergang am Meer oder durch einen Wald, mit einem kleinen Buch in der Tasche. Denken Sie nach, was Ihre Ohren Ihnen „sagen“ wollen, beschäftigen Sie sich mit allen bisher genannten Fragen und notieren Sie Ihre Gedanken. So können Sie sie in einigen Wochen nachlesen und ggf. ergänzen.

Dabei dürfen Sie sich auch mit der folgenden Frage beschäftigen:

5. Antwort auf die Lebensfrage finden

Was würden Sie jetzt am liebsten tun, wenn nur Sie allein entscheiden könnten? Wenn Sie frei wären von Zwängen durch Beruf, Familie und Ehrenämter?

Beschäftigen Sie sich mit Ihrem Leben: Wie kann es bunter, tiefer, reicher werden? Was wollten Sie schon immer mal machen? Wo wollten Sie schon immer mal hin? Wichtig: Lassen Sie sich nicht stoppen, z.B. von Gedanken wie „das geht sowieso nicht“ oder „ich muss ja Geld verdienen“…Wenn Sie all Ihre Energie in gute Antworten auf diese Fragen investieren, werden Sie gute Lösungen für die Gestaltung Ihres weiteren Lebens bekommen, nach dem Motto

„Wer nicht will, findet Gründe – wer will, findet einen Weg.“

Nun wollen Sie sicherlich wissen, wo meine Energie hingeflossen ist. Sie ist in meine Weiterbildung zur systemischen Coach geflossen, fließt weiterhin in vertiefende Weiterbildungen im Coaching und leitet mich in meiner Selbständigkeit. Neben dem Coaching erstelle ich Konzepte und unterstütze Führungskräfte kleiner Unternehmen bei Projekten sowie bei Führungsaufgaben. Das mache ich mit großer Freude und kann es problemlos umsetzen.

Als Moderatorin für kleine Gruppen bin ich trotz Hörschwäche tätig, denn in den Räumlichkeiten von Unternehmen oder Hotels ist meist die Akustik gut und die Teilnehmer/innen sind bereit zuzuhören und sich respektvoll auszutauschen.

Als Dozentin arbeite ich seit diesem Semester nur noch online (dort trage ich ein Headset) und gebe Workshops zum Thema Führungskompetenzen für kleine Gruppen. Hier habe ich länger gebraucht, um zu dieser Lösung zu kommen, da ich gern unterrichte.

Auch als Autorin darf ich arbeiten: Soeben habe ich mit einem Verlag einen Vertrag für ein Buch zum Thema Führungskräfte und Coaching geschlossen.

Und dann erfülle ich mir seit diesem Jahr den Wunsch, wieder mehr zu reisen! In Orte oder Länder, wo ich noch nie war … und die mich inspirieren und zu meiner Weiterentwicklung beitragen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ihnen wünsche ich nun viele schöne inspirierende Spaziergänge am Meer oder im Wald, damit Sie sich mit Ihren Lebensfragen und Ihren Träumen beschäftigen können.

Sehen Sie Ihre Hörschwäche als Chance, Ihr Leben neu zu gestalten, sich Sehnsüchte zu erfüllen.

Schreiben Sie mir gern, wie es Ihnen dabei ergangen ist, wie Sie mit Ihrer Hörschwäche umgehen, ob Sie sie schon annehmen können – und was Sie gern umsetzen wollen. Ich freue mich, von Ihnen etwas zu lesen! Und zu-hören werde ich natürlich auch, wenn Sie telefonisch oder persönlich Kontakt aufnehmen möchten …

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Kommentare

Kommentar von Lars |

Ich finde es interessant von dir, dass du sagst, dass du deine Einstellung zum Leben verändert hast. Ein Freund hat gerade auch mit Schwerhörigkeit zu kämpfen und steckt auch in dieser Opferrolle fest. Ich werde ihm empfehlen deinen Blog zu lesen! Jedoch frage ich mich auch, inwiefern Hörgeräte hilfreich sein könnten, um wieder besser zu hören..

Antwort von Anke Lüneburg

Hallo Lars,

vielen Dank für deinen Kommentar hinsichtlich Schwerhörigkeit! Gern kannst du deinen Freund auf meinen Blog hinweisen - und gern auch weitere Menschen, es gibt ja weitere interessante Themen...:-)

Ich trage in jedem Ohr ein Hörgerät - leider können diese jedoch das Gehör nicht wieder so herstellen wie es einmal war - im Gegensatz zur Brille. Schwerhörige können Konsonanten schwer verstehen und verstehen so manchmal Inhalte oder Zusammenhänge nicht richtig - und antworten damit anders. 

Wichtig ist jedoch, die Hörgeräte regelmäßig jeden Tag zu tragen, damit das Gehirn sich daran gewöhnt und mitarbeitet.

Es gibt so viel zum Thema...vielleicht sollte ich doch mal ein Buch darüber schreiben...:-)

Ich wünsche dir und deinem Freund alles Gute!

Herzlichst, Anke Lüneburg

Kommentar von Gustav Sucher |

Hallo, toller Blog! Ich habe auch mal gedacht, dass ich für immer Schwerhörig sein würde. Das war zum Glück nicht so. Es waren nur ein paar Tage, bis ich dann beim HNO war. Dort hat man nichts gefunden. Kurz vor einer Spülung war ich aber plötzlich wieder hellhörig. Ich war so froh. Danke für den super Artikel!

Kommentar von Gustav Sucher |

Hallo, es gibt viele Dinge, die man nicht wahr haben möchte. Diese sollte man aber akzeptieren. Leider tun das nicht viele und bekommen psychische Probleme. Ich habe im letzten halben Jahr zwei Hörverluste bekommen. Insgesamt ist es immer wieder ein bisschen besser geworden. Nun höre ich aber schlechter. Vielen Dank für den super Blog!

Antwort von Anke Lüneburg

Lieber Herr Sucher,

vielen Dank für Ihre weisen Worte! Loszulassen was nicht gut ist, ist eine Lebensaufgabe. Dem Prozess des Lebens zu vertrauen ist ein Weg, sich Zeit fürs Nachdenken zu nehmen, Menschen um sich zu haben, die einem gut tun sind weitere. 

Sie sind schon auf einem guten Weg, denke ich, denn Erkenntnis ist der erste und oft schwierigste Schritt...

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute - es geht aufwärts, Sie werden es schaffen!

Herzliche Grüße aus dem Norden

Anke Lüneburg

Kommentar von Matthias Jäger |

Hallo Frau Lüneburg,
auf der bewußten Suche nach Blogs über Hörbehinderung, bin auf ihren Beitrag gestoßen. Sehr anregend zu lesen! In den Anfängen meiner Hörbehinderung hätte ich mir solch einen Text gewünscht. Ich werde ihn weiterempfehlen, wenn ich einen "Neuling" treffe.
Liebe Grüße
Matthias Jäger

Antwort von Anke Lüneburg

Lieber Herr Jäger, 
Vielen Dank für Ihr Feedback! Und für das  Weiterempfehlen. Es ist doch toll, wenn man früh Unterstützung bekommt....
Geht es Ihnen denn jetzt gut und fühlen Sie sich sicher und wohl? 
Alles Gute für Sie! 
Herzliche Grüße 
Anke Lüneburg

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