Mentale Modelle für die Zukunft (Matthias Horx)

Mentale Zukunfts-Modelle zur besseren Bewältigung der Zukunft

Dieser Text stammt aus der Zukunfts-Kolumne von Matthias Horx:
www.horx.com/die-zukunfts-kolumne

Siehe auch: https://thefutureproject.de/

1. Die Zukunfts-Flugroute – The Future Flightpath

Warum man den Menschen überschätzen sollte

In einem berührenden Vortrag auf einem Psychologiekongress im Jahr 1962 berichtet der Psychiater und Philosoph Viktor Frankl, der zwei KZs überlebte und die „Psychologie des Sinns“ entwickelte, von seinen Flugstunden, die er im Alter von 70 Jahren zum ersten Mal absolvierte. Er berichtete, dass man je nach Windrichtung „am Ziel vorbeifliegen“ muss, um das Ziel zu erreichen. Wenn man DIREKT von A nach B steuert, fliegt man durch die Drift ins Abseits.

Deshalb muss man ein sogenanntes „crabbing“ machen, ein Hin- und Her-Kreuzen. Aus dieser Erfahrung entwickelte Frankl auf zauberhafte Weise seine „Theorie der positiven Überforderung“:

„Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er wirklich IST, machen wir ihn schlechter. Aber wenn wir Idealisten sind und ihn ÜBER­SCHÄTZEN, ihn sehen wie er sein SOLLTE, dann fördern wir ihn in dem, was er wirklich sein kann! Wir MÜSSEN idealistisch sein, ihn ÜBER-FORDERN, dann erweisen wir uns als die wirklichen Realisten. Wenn wir an ihn glauben, wie er sein KÖNNTE, wird er sich verwandeln. Wir wecken dann den ‚Spark‘, einen Funken seiner Suche nach Bedeutung (search for meaning).“

2. Survivorship Bias – die falsche Resilienz

Als im Zweiten Weltkrieg die Flugzeuge von ihren Einsätzen über deutschem Feindesland zurückkehrten, analysierten die Techniker der Alliierten die Einschüsse an Rumpf und Flügeln. Sie versuchten, die Stellen mit den meisten Durchschüssen zu verstärken. Durch die Verstärkungen wurden die Flugzeuge allerdings immer schwerer und manövrierunfähiger – und kehrten immer seltener zurück. Der Denk-Irrtum bestand darin, dass die Durchschüsse ja eben NICHT zum Absturz geführt hatten (sonst wären die Flugzeuge nicht zurückgekehrt). Die abgestürzten Maschinen hingegen hatten Durchschläge an den existentiellen Teilen erlitten – an den Motoren, im Cockpit, im hinteren tragenden Rumpf.
Übersetzt auf unsere Resilienz: Kleine Schwächen/Wunden können die Beweglichkeit erhöhen. Befestigen und stärken muss man den Kern, den „semantic core“.

3. Die evolutionäre Mismatch-Theorie

Gibt es eine einleuchtende Erklärung für die verrückte Situation, in der sich unsere Zivilisation heute befindet – außer irgendwelchen Sündenbock-Konstruktionen? Vielleicht kann uns schlichte Evolutions-Erkenntnis helfen. Motten orientieren sich bei der Navigation am Mondlicht. Eine Welt voll künstlichem Licht ist für sie verheerend (es führt zu sprialenförmigen Flügen bis zur Erschöpfung). Menschen haben sich als Jäger und Sammler in überschaubaren Gruppen von 12 bis maximal 150 Individuen entwickelt. In der Internet-KI-Gesellschaft rasten wir alle aus, weil wir plötzlich mit Tausenden von Individuen „nichtverbunden“ sind. Unser Verhalten wirkt wie das verzweifelte Flattern von Motten in einer überbeleuchteten Großstadt.

3. Das Verbrennungs-Privileg – Petro-Nostalgie

Wieso ist die ökologische Transformation so schiefgegangen – zumindest in der öffentlichen Meinung? Warum sind die Grünen schneller zu Prügelknaben abgestiegen als man das Wort „Nachhaltigkeit“ sagen kann? Die Ursache könnte in einem Denkfehler liegen. Ökologische Transformations-Strategien gingen davon aus, dass sich das Verhalten und die Einstellungen von Menschen ändern, wenn die Folgen der Klimakatastrophe als Information allen zur Verfügung stehen. Die Verteuerung von fossiler Verbrennung würde schließlich direkt ökonomisch wirken und das fossile Lebensmodell zurückdrängen. Das das nicht funktioniert, hat wahrscheinlich archaische Gründe: Vor allem Männer sehen das Verbrennen als ein Privileg, das sie stolz und besonders männlich macht. Gerade WENN es teuer ist! Sie verbrennen GERNE auf Kosten anderer, weil sie damit ihren Status beweisen. Dieser Effekt geht wahrscheinlich auf die archaische Rollenprägungen zurück – viele Jahrtausende lang war das FEUER ein Zentrum von Status, Macht und Kontrolle und garantierte den Zugang zu hochkalorischem Fleisch (meistens von den Frauen gehütet). Das erklärt a) den Grill-Boom und den Böller-Wahn bei Neujahr, b) die Fleisch-Strategien des bayrischen Ministerpräsidenten, c) die vielen Vierfach-Auspuffrohre an SUVs, d) den Erfolg der rechtsradikalen Klimaleugnung, e) womöglich sogar die „Petro-Kriege“ unserer Zeit (Russland, Venezuela …). Peter Sloterdijk nannte unsere Zeit das „pyromanische Zeitalter“. Die „Energy Humanities“, die Energie-Geisteswissenschaften, versuchen aus anthropologischen Erkenntnissen dem Rätsel der Ökologie-Aversion beizukommen. Sie entschlüsseln langsam die wahren Motive für den anti-ökologischen Backlash.

4. Reminiscence-Bumps – die Nostalgiehügel

Mitglieder fast aller Generationen glauben, dass in ihrer Jugend alles „auf dem Höhepunkt“ war. Die Wirtschaft. Die Kultur. Die Werte. Die Gemeinsamkeit. Die Geborgenheit. Kein Wunder: In der Jugend erlebt man alles intensiver und selbst-bezogener, die positiven Erlebnisse werden als „Grundbahnungen“ im Gehirn eingeschrieben. Die Sehnsucht nach dem Rückwärts führt heute zu einer regelrechten „Retrotopie“. Die Rechtspopulisten nutzen diesen Effekt, um aus dem „Nostalgiehügel“ ein Vergangenheits-Gefängnis zu erzeugen: Früher war alles besser, deshalb müssen wir mit Gewalt wieder die Vergangenheit herstellen.

5. Der Huxley-Effekt

Wieso kippt das Gute so leicht in das Schlechtere um? Und wieso lassen sich moralische Argumente plötzlich so penetrant und gleichlautend auch von rechts vernehmen wie früher von links? Warum agieren moralische Umweltschützer plötzlich wie Terroristen oder russische Saboteure und legen ganze Stadtteile im Winter lahm (neulich in Berlin)? Noch härter gefragt: Warum lassen sich Alice Weidel und Sarah Wagenknecht in Sound und Argumention so leicht verwechseln?

Soziale Aktivitäten im Sinne des Guten und der Gerechtigkeit sind nicht immer von gutmütigen Motivationen getrieben. Sie ziehen auch viele Menschen mit hohem Narzissmus-, Geltungssucht- und Egozentrik-Grad an. Gerechtigkeitsdenken evoziert das Gefühl von Wichtigkeit, aber auch von Deutungsmacht und Einfluss über andere (siehe WOKEness als Moralstandard). Auf diese Weise wandert der Moralismus in die dunkle Ecke hinüber, wie wir es heute erleben können. Schon Aldous Huxley, der soziale Dystopiker der Nachkriegszeit, wies auf diese fatale Doppeldeutigkeit des Moralischen hin.
„Der sicherste Weg, einen Kreuzzug für eine gute Sache anzuzetteln, ist, den Menschen zu versprechen, dass sie die Gelegenheit bekommen werden, jemanden schlecht zu behandeln … und dieses schlechte Benehmen ‚gerechte Empörung‘ zu nennen – das ist der Gipfel psychologischen Luxus, der köstlichste aller moralischen Genüsse.“ (Einleitung zu Samuel Butlers Dystopie-Roman „Erewhon“).
Hilfreich dazu das Zitat von Niklas Luhmann: „Die erste Aufgabe der Ethik ist die Warnung vor Moral.“.

6. Der Boomerang-Effekt – Motivation durch paradoxe Intervention

Wenn man jemandem etwas verweigert, wird er meistens mehr davon verlangen – schon aus reinem Trotz. Das nennt man Reaktanz. Wenn du deinen Sohn, deine Tochter zum Nachfolger, zur Nachfolgerin deiner Firma machen willst, rate ihnen dringend, beruflich etwas völlig anderes zu machen. Wenn du Kinder zum Brokkoli-Essen bringen will, empfiehlt sich die wiederholte Mitteilung, dass sie zum Brokkoli-Essen viel zu jung sind. Diese Erkenntnis kann für zukünftige Transformations-Bewegungen wichtig sein. Wie wäre es, wenn wir die Wahrheit verbreiten würden, nämlich dass E-Autos nichts für ALLE sind, weil sie wesentlich besser, effizienter, technisch überlegen und einfach cooler sind?

7. Der Schneekugel-Effekt

Der Schneekugel-Effekt für das Lebensgefühl des „Eingeschneitseins“ bei gleichzeitiger Verlorenheit. Wenn die Welt und das eigene Leben im Chaos versinkt und man das Gefühl hat, dass eine ganze Welt zusammenbricht – oder so ähnlich.

Hier hilft es, über die Metaphorik nachzudenken bzw. zu philosophieren. Die Schneekugel ist ein reichlich spießiges Produkt. Sie ist aus Plastik, die Figuren (oder Häuser, Tannenbäume, Familienfotos …) sind ziemlich unbeweglich, die Schneemenge arg begrenzt. Die Schneekugel steht herum und sammelt Staub, und der Wirbel legt sich schnell. Wie wäre es, den Horizont zu öffnen? Einfach auszubrechen aus dieser plastikhaften Virtualität, dieser eingefrorenen Dynamik? Wie wäre es, den Schnee einfach TOLL zu finden – ist es nicht wunderbar, wie es wirbelt und driftet und stürmt?! Mehr davon! Brechen wir aus in einen echten ordentlichen Schneesturm! Trotz Global Warming und des ständigen Bedürfnisses, sich in einen Plastikbehälter zurückzuziehen …

8. Slopaganda

Zum ersten Mal in der Geschichte werden mehr Texte von KI geschrieben als von Menschen. Erfahrungen zeigen, dass KI-Texte oft eingängiger, wirksamer, betörender sind – weil sie schlicht vorhandene Schreibtechniken optimieren: hier eine Studie. Neben dem „normalen“ Slop, also dem unendlichen KI-Müll, der alle Kanäle überschwemmt, gibt es jetzt auch SLOPAGANDA. Die liest sich so gut oder hört sich so schön an, dass man alles glaubt, was diese wunderbare Stimme uns erzählt.

9. Das Amara-Gesetz und der Frankenstein-Effekt

Wird KI eine platzende Blase oder eine goldene Super-Technologie? Ein menschheitsverderbendes Menetekel oder die Erlösung der Wachstumskrise? Wie wäre es, wenn die Antwort lautet: Beides.

Roy Amara, der Langzeit-Direktor des amerikanischen „Institute for the Future“, prägte den berühmten Spruch, dass wir immer die kurzfristigen Wirkungen von Technologien überschätzen und die langfristigen unterschätzen. Hypes inflationieren Erwartungen und führen zu Enttäuschungen, woraus irgendwann Skeptizismus und Abkehr wird. In Sachen KI entsteht jedoch ein „paradoxer Überlappungs-Effekt“: Einige Anwendungen der KI sind, besonders im privaten Bereich, rasend attraktiv, aber auch sozial extrem gefährlich (Begleitungs- und Tröstungs-Bots, bis hin zu Liebes-Simulations-Bots). Andere sind nur im Business-Umfeld sichtbar und produktiv, wieder andere steuern diskret erneuerbare Energiesysteme oder Molekularforschungs-Experimente. Die KI ist eine Art Frankenstein, zusammengenäht aus vielen widersprüchlichen Komponenten. Sie ist also SOWOHL die revolutionärste Technologie aller Zeiten (außer dem Feuer und dem Rad) ALS AUCH eine gigantische Blase, die bald platzen wird.

10. Pronoia

Das Gegenteil von Paranoia. Die Vermutung, dass das Universum so etwas wie eine Verschwörung ist, um uns zu helfen, zu wachsen und er-wachsen zu werden. Zu Sinn, Verstand und Bewusstsein zu kommen. Pronoia vermutet, dass die Welt eigentlich ganz OK ist, weil sie sich selbst organisiert. Man stelle sich vor, Krisen wären Lehrmeister. Alle Rückschläge wären freundliche Anregungen zu mehr Weisheit. Diese „Nützliche Illusion“ wird bald wieder den giftig-paranoiden Tonus unserer Tage ablösen. Bis jetzt hat sich das Universum jedenfalls immer wieder FÜR uns verschwört. Oder heißt das verschworen?

11. Die goldene Dummheits-Regel

Versuchen wir einmal, den Begriff Dummheit nicht als Vorwurf oder Arroganz oder Abwertung zu gebrauchen. Sondern im Rahmen nüchterner Verhaltensanalyse: Ein dummer Mensch verursacht Verluste für andere – UND für sich selbst. Das reicht eigentlich schon, um echte Dummheit zu klassifizieren, und zwar unabhängig vom üblichen Argument der „Bildung“. Dummheit ist nicht das Gegenteil von Bildung, sondern von Menschlichkeit und Fürsorglichkeit. Inklusive Selbst-Fürsorglichkeit.
Ein klassischer Einwand: „Wie soll man denn herausfinden, was Verluste sind und was Vorteile? … das ist doch sehr subjektiv…“
Nun ja. Es gibt durchaus so etwas wie eine universelle Ethik, auch wenn Details debattierbar sind. Menschen mit einem intakten Emotional-Intelligenz-System können spüren, ob sie anderen guttun oder schaden. Sie sind in einer Resonanz-Schwingung mit ihrer sozialen Umwelt. Dummheit entsteht vor allem aus Gefühlslosigkeit, die sich selbst bewundert. Die gibt es in allen Kulturen und Systemen, und wahrscheinlich ist sie unausrottbar.

12. über die Zukunftslosigkeit

„Wenn man sich in diesem Moment der modernen Geschichte mit den aktuellen Ereignissen auseinandersetzt, fühlt es sich an wie eine endlose Panikattacke. Überschwemmungen. Brände. Kaputte Wahlen. Dumme Debatten. Lügen, die immer mehr entgleiten. Ein ununterscheidbarer Schwarm grinsender, autoritärer Idioten, die jeden auslachen, der sie daran hindern will, den Planeten auszubeuten. Gefühllose Armeen bewaffneter Nihilisten, bereit, die Welt in Brand zu setzen, anstatt sie zu teilen. All das implodiert in einer Art hektischer Immanenz, einem rasenden Zusammenbruch der Zeitebenen. Was viele von uns gerade erleben, ist eine Art kulturelle Depression, was Patricia Lockwood als „Fieber im kollektiven Kopf“ bezeichnet. Eines der häufigsten Symptome bei schweren Depressionen ist die Unfähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Es ist nicht nur so, dass sich die Erkrankten nicht mehr vorstellen können, dass jemals wieder etwas Gutes passiert – sie können sich überhaupt keine Zukunft mehr vorstellen.

“Engaging with current events at this particular moment in modern history feels like an endless rolling panic attack. Floods. Fires. Elections. Impeachment hearings. An indistinguishable shower of grinning authoritarian shitclowns snickering at everyone who tries to stop them stripping the planet for parts. Affectless armies of weaponized nihilists prepared to set the world on fire rather than share it with women and people of color. All of it imploding into a sort of hectic immanence, a frantic collapse of timelines. Right now, what many of us are experiencing is a sort of cultural depression, what Patricia Lockwood calls a ‘fever in the collective head’. One of the symptoms reported most frequently by people with severe depressive illness is lack of ability to imagine the future. It’s not just that they can’t imagine anything good happening ever again — they can’t imagine a future at all.”

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 9 und 2?

Jetzt Kontakt aufnehmen!

Bitte rechnen Sie 9 plus 3.

Persönliche Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Weitere Informationen sind in unserer Datenschutzerklärung zu finden.